Fahrplan für die Munitionsbergung - Schleswig-Holstein bereitet sich auf die Bergung von Altmunition im großen Stil vor
So unwirklich diese Bilder erscheinen, so real sind sie: verrostete Bomben, zerfallende Kisten voller Granaten oder riesige Sprengköpfe, überzogen mit Algen, besiedelt von Seesternen und Fischen. So sieht es an vielen Stellen vor unserer Ostseeküste aus. Nachdem es lange ignoriert wurde, gibt es für das Problem der Munitionsaltlasten im Meer seit gut zehn Jahren Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel. Heute ist für die deutsche Ostsee bekannt und gut dokumentiert, wo welche Altmunition auf oder unter dem Sediment liegt und welche schädlichen Auswirkungen bereits messbar sind. Ausmaß und Komplexität des Problems sind allen beteiligten Ministerien, Forschungseinrichtungen und Unternehmen bewusst, und es gibt eine große Einigkeit darüber, dass es entschlossen und umfassend angegangen werden muss. Das bedeutet: In Schleswig-Holstein wird weltweit zum ersten Mal Altmunition in großem Stil aus dem Meer geräumt werden.
Um dafür einen konkreten Fahrplan zu entwickeln, treffen sich [... am 14.04.26] rund 50 Beteiligte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel zum MUNIMAR-Workshop. [...]
Wendepunkt 2024: Aus Erkenntnissen wird konkretes Handeln
Im Jahr 2024 wurden in der Lübecker Bucht erstmals gezielt Altlasten aus einem Munitionsversenkungsgebiet geborgen. Nach Jahren der Forschung und Vorbereitung markierten diese Pilotbergungen einen Wendepunkt. Sie wurden im Rahmen des Sofortprogramms des Bundes ermöglicht, für welches das Bundesumweltministerium Mittel in Höhe von 100 Millionen Euro bereitgestellt hatte.
Die dabei eingesetzte Technik funktionierte grundsätzlich. Gleichzeitig zeigte sich deutlich, wo sie weiterentwickelt werden muss. Die Arbeiten lieferten zudem wertvolle Einblicke in den Zustand der Munition und in die Beschaffenheit des Meeresbodens. Beides ist entscheidend, um künftige Bergungen sicher und möglichst umweltschonend durchzuführen.
Pionierarbeit ohne Blaupause
Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Herausforderung weit über technische Fragen hinausgeht. „Dass bei der Pilotbergung noch ungelöste Fragen aufgetaucht sind, verwundert nicht“, sagt Professor Dr. Jens Greinert, Meeresgeologe am GEOMAR und Leiter der Forschungsgruppe Deep Sea Monitoring. „Schließlich sind wir die ersten, die versucht haben, 80 Jahre alte Munitionsaltlasten aus Versenkungsgebieten im Meer zu bergen. Dafür gibt es keine Blaupause.“
Um die besten Rahmenbedingungen für diese Aufgabe zu schaffen, wurde im Oktober 2024 MUNIMAR gegründet. Das schleswig-holsteinische Kompetenzzentrum für den Umgang mit Munition in der marinen Umwelt, getragen vom Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein (MEKUN), vom GEOMAR sowie von der Industrie- und Handelskammer Schleswig-Holstein (IHK), bringt alle Akteur:innen aus Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Während die Verwaltung die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen schafft, liefert die Wissenschaft Daten und begleitet die Arbeiten mit Forschung, Entwicklung und Messungen. Die Wirtschaft entwickelt die Technik und setzt die Bergung um. MUNIMAR sorgt dafür, dass die drei Bereiche bestmöglich zusammenarbeiten.
MUNIMAR: Drei Säulen, ein Ziel
„Wir gucken uns jetzt an, was gut geklappt hat und wo es noch Abstimmungsbedarf gibt“, sagt Greinert. Besonders die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Behörden müsse weiter verbessert werden. So mussten Bergungsarbeiten vorübergehend abgebrochen und Munition konnte nicht wie geplant an Land gebracht werden. Weiter lagert ein Großteil der geräumten Munition in sogenannten Nasslagern am Meeresgrund. Deren Inhalt soll auf einer Entsorgungsplattform vernichtet werden, deren Betrieb noch rechtlich geklärt werden muss.
Anderes funktioniere bereits gut. Greinert: „Wir Forschenden haben mit jahrelanger Kartierung eine sehr gute Grundlage gelegt. Die beteiligten Firmen wussten dadurch recht genau, wo was liegt und konnten dies in ihren Angeboten und ihrer Planung nutzen. Während der Räumung übernehmen wir das Monitoring – wir schauen also genau hin, wie sich die Arbeiten auf die Umwelt auswirken.“
Auch zwischen Wissenschaft und Verwaltung habe sich die enge Abstimmung bewährt. Auf Basis wissenschaftlicher Daten konnten gezielt Gebiete ausgewählt werden, die sich für die Probebergungen besonders eigneten. Diese Priorisierung soll nun weitergeführt werden, Denn klar ist: Ohne verlässliche Planung und klare Abläufe wird es keine Investitionen in den Betrieb der notwendigen Infrastruktur geben.
Autonome Bergungsplattform: Der nächste Schritt zur großflächigen Räumung
Auch diese muss erst entwickelt werden: Zukünftig soll eine autonome Bergungsplattform Munition direkt auf See entsorgen. Entwicklung und Bau der Plattform wurden parallel zur Pilotbergung ebenfalls aus den Mitteln des Sofortprogramms des Bundes ausgeschrieben. Wer den Zuschlag bekommt, wird voraussichtlich in wenigen Wochen bekannt gegeben. Wenn eine solche Anlage ab 2028 betrieben werden soll, müssen die Rahmenbedingungen dafür jetzt festgelegt werden. Genau deshalb kommen die Beteiligten [...] in Kiel zusammen. In Arbeitsgruppen tauschen sie Erfahrungen aus, benennen Probleme und suchen nach Lösungen. [...]
(PM Geomar, gek.)